Die Gefangene
des Goldes
Es gibt Städte, die existieren vor allem als Idee. Dubai ist so eine Stadt. Ein Ort, der sich selbst als Beweis verkauft – Beweis dafür, dass aus Wüstensand in wenigen Jahrzehnten die Zukunft werden kann. Aber hinter der Fassade aus Glas und Gold spielt sich eine Geschichte ab, die ich seit Monaten recherchiere und die mich nicht mehr loslässt.
Wolkenkratzer, die in den Himmel stechen. Künstliche Inseln im Persischen Golf. Luxushotels, in denen das Frühstücksbuffet mehr kostet als ein Monatsgehalt in weiten Teilen der Welt. Tausende deutsche Influencer haben ihre Follower von hier aus mit Reels versorgt, in denen sie erklären, warum sie nie wieder zurück nach Deutschland wollen. Und dann gibt es die andere Geschichte. Die, die hinter den Palastmauern spielt.
Die Geschichte von Prinzessin Latifa bint Mohammed Al Maktoum – Tochter des Emirs von Dubai, Sheikh Mohammed bin Rashid Al Maktoum.
Wer ist Latifa?
Latifa wurde am 5. Dezember 1985 geboren – als Tochter eines der reichsten und mächtigsten Männer der Welt. Ihr Zuhause: ein Palast mit vierzig Zimmern, einem Indoor-Pool, einem Privatzoo, über hundert Angestellten. Ferraris in der Einfahrt. Rennpferde auf dem Gelände. Ein Leben, das sich die meisten Menschen nicht einmal vorstellen können.
Und trotzdem – oder genau deswegen – war Latifa eine Gefangene.
Sie durfte Dubai nicht verlassen. Nicht Auto fahren. Nicht studieren. Nicht alleine irgendwo hingehen. Jeder Ausgang wurde von einem Fahrer begleitet, der direkt an das Büro ihres Vaters berichtete. Jede Bewegung überwacht. Jedes Gespräch potenziell abgehört. Sie hatte keinen Pass, kein Bankkonto, keine einzige Entscheidung in ihrem Leben, die wirklich ihre eigene war.
Das nennt sich Guardianship – ein System, das in den Vereinigten Arabischen Emiraten bis heute existiert und Frauen unter die Vormundschaft von Männern stellt. Vater, Bruder, Ehemann, Sohn. Irgendjemand Männliches, dessen Erlaubnis das Leben einer Frau erst möglich macht.
Die Schwester, die verschwand
Bevor wir zu Latifas Geschichte kommen, müssen wir über Shamsa sprechen. Latifas ältere Schwester. Eine junge Frau, die frech war, voller Leben, die Grenzen verschieben wollte.
Im Sommer 2000 nutzt Shamsa einen Moment der Unaufmerksamkeit auf dem Familienanwesen in Surrey, England. Sie stiehlt einen Range Rover, rast durch das offene Tor und verschwindet. Zwei Monate lebt sie versteckt in Cambridge – zum ersten Mal frei. Zum ersten Mal entscheidet sie selbst, was sie zum Frühstück isst, wohin sie geht, mit wem sie spricht.
Dann macht sie einen Fehler. Sie telefoniert zu viel. Der Geheimdienst des Scheichs wertet die Verbindungsdaten aus, lokalisiert sie. Am 19. August 2000 wird Shamsa auf offener Straße in Cambridge betäubt und in einen schwarzen SUV gezerrt. Zeugen sehen es. Niemand reagiert.
Shamsa wird über Frankreich nach Dubai ausgeflogen – diplomatische Immunität, kein Zoll, keine Passkontrolle, keine Fragen. Acht Jahre verschwindet sie danach hinter Palastmauern. Als sie 2008 wieder auftaucht, ist sie ein anderer Mensch.
„Man musste kein Arzt sein, um zu erkennen, dass sie die ganze Zeit unter Beruhigungsmitteln stand. Shamsa hatte keinen Funken mehr. Keinen Kampfgeist. Gar nichts. Sie war nur noch eine leere Hülle."
Anonyme Quelle, BBC News
Bis heute lebt Shamsa unter vollständiger Kontrolle der Familie. Ein Psychiater ist rund um die Uhr bei ihr. Krankenschwestern überwachen, wann sie schläft, was sie isst, wie sie ihre Medikamente nimmt.
Neun Jahre Vorbereitung
Für Latifa ist Shamsas Schicksal keine abstrakte Warnung. Es ist eine Blaupause dafür, was ihr passieren wird, wenn sie nicht kämpft.
2002, mit 16 Jahren, versucht sie zum ersten Mal zu fliehen. Ohne Plan, ohne Ressourcen – sie läuft einfach los Richtung omanische Grenze. Sie wird aufgegriffen und zurückgebracht. Was folgt, sind dreieinhalb Jahre Einzelhaft. Folter. Dunkelheit. Eine Matratze, die nach Blut und Urin stinkt.
Als sie freikommt, beginnt sie zu planen. Diesmal richtig. Neun Jahre lang. Sie findet Hervé Jaubert – einen ehemaligen französischen Geheimdienstoffizier, der selbst aus Dubai geflohen ist. Sie findet Tiina Jauhiainen, eine finnische Capoeira-Trainerin, die zu ihrer engsten Vertrauten wird. Und sie beginnt, systematisch alles vorzubereiten: codierte Kommunikation, gefälschter irischer Pass für 75.000 Dollar, Fluchtroutenplanung bis auf den Meter.
Das Prinzip, das Jaubert ihr beibringt: Bore them to death. Wer nie auffällt, wird nie beobachtet.
Die Flucht
24. Februar 2018. Latifa trifft Tiina in einem Café in Dubai. Sie gehen nicht zusammen rein – das wäre zu auffällig. Tiina sitzt drei Tische entfernt, blättert in einer Zeitschrift. Latifa geht auf die Toilette. Drei Minuten später kommt sie durch den Seitenausgang raus – Jeans, Sonnenbrille, Haare hochgebunden. Eine x-beliebige Touristin. Tiinas Auto wartet.
An der Grenze zum Oman winken die Beamten sie durch. Es ist heiß, die Schicht ist lang. Latifa überquert zum ersten Mal seit achtzehn Jahren die Grenzen der Vereinigten Arabischen Emirate. Was dann folgt, ist ein Schlauchboot im Indischen Ozean, zwei Meter hohe Wellen, Jetskis im offenen Wasser – und schließlich die Nostromo, Jauberts Yacht unter US-Flagge. Latifa klettert klatschnass an Bord. Und lächelt. Zum ersten Mal seit Jahren ein echtes Lächeln.
Die folgenden Tage auf See beschreibt Tiina als magisch. Latifa kocht veganes Essen für die Crew. Beobachtet stundenlang Delfine. Schaut nachts die Sterne an. Steht morgens auf und fragt: Was machen wir heute? – eine Frage, die sie in 32 Jahren nie hatte stellen können.
Der Überfall
Dann geht alles schief. Irgendwie erfährt Dubai, wo sich die Yacht befindet – mutmaßlich über die Pegasus-Spyware auf einem der Mobiltelefone an Bord, mutmaßlich über den amerikanischen Satellitenanbieter KVH, der die GPS-Koordinaten ohne Gerichtsbeschluss an das FBI weitergab, das sie an Dubai weiterreichte. Eine USA-Today-Untersuchung von 2021 hat diese Kette bestätigt.
Sheikh Mohammed kontaktiert den indischen Premierminister Modi. Die Emirate sind einer der wichtigsten Handelspartner Indiens. Modi schickt die Küstenwache. 4. März 2018. Dreißig Meilen vor der Küste Goas, in internationalen Gewässern. Zehn Uhr abends. Blendgranaten. Hubschrauber. Vermummte Männer seilen sich ab.
Latifa schreit auf Englisch, klar und laut: I'm seeking for political asylum! Immer wieder. Das ist kein verzweifeltes Schreien – das ist neun Jahre vorbereitetes Protokoll. Aber niemand hört ihr zu.
„Ich bekam einen Anruf von Latifa, dass sie draußen Schüsse hört und nicht weiß, was passiert. Sie versteckte sich im Badezimmer. Ich sagte ihr, sie soll die Tür abschließen, sich verstecken, still sein – und so viel aufnehmen wie möglich. Es gab nichts, was ich in diesem Moment hätte tun können. Ich konnte nur beten."
Radha Stirling, CEO Detained in Dubai – Interview für Dunkelste Stunden
Dann, sagt Stirling, wurde die Leitung still.
Zurück im Käfig
Latifa wird betäubt, auf eine Trage gelegt, in einen Privatjet verfrachtet. Als sie aufwacht, ist sie in Dubai. Was folgt, beschreibt sie selbst in geheimen Videos, die sie Monate später aus ihrer Gefangenschaft schmuggelt: Eine Villa, deren Fenster mit schwerem Stahl vergittert sind. Dreißig Polizisten rund um die Uhr. Zwei Polizistinnen direkt vor der Zimmertür. Kein Telefon, kein Internet, kein Tageslicht. Keine Anklage. Kein Prozess.
Ende 2018 arrangiert Sheikh Mohammed ein Mittagessen mit Mary Robinson – ehemaliger Präsidentin Irlands, ehemaliger UN-Hochkommissarin für Menschenrechte. Robinson trifft eine vermutlich sedierte Latifa. Es entstehen Fotos. Drei Tage später veröffentlicht das Außenministerium der Emirate die Bilder weltweit: Seht her, es geht ihr gut. Mehr als zwei Jahre später wird Robinson zugeben, dass sie vom Scheich getäuscht wurde. Ein unverzeihlicher Fehler, sagt sie selbst.
Warum niemand hilft
Die vielleicht bitterste Frage in diesem Fall ist nicht, warum Sheikh Mohammed so handelt. Die Antwort darauf ist einfach: weil er es kann. Die bittere Frage ist, warum die Welt ihn lässt.
„Ist das es wert? Ist das eine Mädchen es wert? Sie ist ein Familienmitglied von Sheikh Mohammed. Ich glaube nicht, dass wir uns in eine private Familienangelegenheit eines ausländischen Staatsoberhauptes einmischen können. Und ich glaube, das ist der eigentliche Kern des Problems – und der Grund, warum Latifa noch immer in den Emiraten festsitzt."
Radha Stirling – Interview für Dunkelste Stunden
Die Vereinigten Arabischen Emirate sind einer der wichtigsten Handelspartner des Westens. Milliardenschwere Investitionen, Energielieferungen, strategische Allianzen. Kein Land will diesen Partner wegen einer Prinzessin verlieren. Also schaut man weg.
Heute agiert eine Anwaltskanzlei in Latifas Namen und behauptet, sie wolle ihr Leben in Ruhe weiterleben und keine weitere Unterstützung. Stirling sagt dazu: Latifa hatte sie gewarnt, dass genau das passieren würde. „Sie sagte: Wenn ich euch frei sprechen kann, dann wisst ihr, dass es die Wahrheit ist. Solange ich das nicht kann, glaubt nichts."
If I don't make it out, I really hope that there's some positive change that will happen from all of this.
Dunkelste Stunden – Die Gefangene des Goldes Die vollständige Geschichte, inklusive eines exklusiven Interviews mit Radha Stirling von Detained in Dubai, gibt es als mehrteilige Serie im Podcast.