Der Spion, der nackt tanzte: Die geheime FBI-Akte der Josephine Baker
Es begann mit einem Würfelwurf. Vor einiger Zeit saß ich mit Freunden an einem Tisch, vertieft in ein "Tabletop Rollenspiel" – ein interaktives Theater des Geistes, angesiedelt in den düsteren 1930er Jahren. Eine Mitspielerin wählte ihren Charakter: "Ich spiele Josephine Baker."
Ich war skeptisch. Die Tänzerin mit dem Bananenrock in einem Agenten-Thriller? Was sollte die dort tun? Charleston tanzen, während die Welt brennt? Doch dann legte meine Mitspielerin los. Sie beschrieb eine Frau, die Generäle um den Finger wickelt, Nazis ausspioniert und geheime Dokumente in ihren Notenblättern schmuggelt. Eine Frau, die Champagner trinkt, während sie ihren eigenen Tod riskiert.
Ich dachte: "Typisch Rollenspiel. Völlig übertrieben. So einen 'overpowered' Charakter gibt es in der Realität nicht." Ich lag falsch.
Nach dem Spiel begann ich zu recherchieren. Ich öffnete die Geschichtsbücher, und dann öffnete ich die FBI-Akten. Was ich fand, ließ die Fiktion blass aussehen. Die echte Josephine Baker war keine Tänzerin, die nebenbei ein bisschen Abenteuer erlebte. Sie war eine hochdekorierte Agentin der französischen Résistance, eine Zielscheibe der Gestapo und später eine Staatsfeindin des FBI. Dies ist die wahre Geschichte eines tödlichen Doppellebens.
Kapitel 1: Die Kälte von St. Louis
Um zu verstehen, warum eine Frau den Mut aufbringt, Hermann Görings Luftwaffe auszuspionieren, muss man verstehen, woher sie kommt. Mut ist bei Josephine Baker nicht angeboren. Er ist eine Überlebensstrategie.
Wir schreiben das Jahr 1906. St. Louis, Missouri. Josephine kommt als Freda Josephine McDonald zur Welt. Sie wächst im Dreck auf. "Armut" ist ein zu schwaches Wort für das, was sie erlebt. Sie trägt Kleider aus Jutesäcken. Im Winter sammelt sie Kohlen, die von den Güterzügen fallen, damit ihre Familie nicht erfriert.
In ihren Memoiren gibt es eine Szene, die alles erklärt. Das kleine Mädchen steht am Zaun der Union Station und starrt die riesigen Dampflokomotiven an. Sie spürt eine fast körperliche Sehnsucht. Später wird sie diesen Moment so beschreiben:
"Ich wusste, eines Tages würde ich in so einen Zug steigen und einfach weiterfahren. Immer weiter, bis ich an einem Ort bin, wo niemand friert."
Doch die Kälte ist nicht nur meteorologisch. Sie ist gesellschaftlich. Josephine lernt früh, dass sie "falsch" ist. Als sie versucht, im Showgeschäft Fuß zu fassen, scheitert sie zunächst nicht an Weißen, sondern an ihren eigenen Leuten. Es gilt das sogenannte "Paper Bag Principle": Wer dunkler ist als eine braune Papiertüte, hat auf der Bühne nichts verloren. Die Manager wollen "High Yellow" Mädchen – hellhäutig, kurvig. Josephine ist dunkel, spindeldürr und knochig.
"Geh nach Hause, Kind. Du hast kein Talent," sagen sie ihr. Aber Josephine hat etwas Besseres als Talent. Sie hat Wut. Und sie hat einen Plan.
Sie schleicht sich durch die Hintertür ins Geschäft. Erst als Ankleiderin bei den "Dixie Steppers", dann als Tänzerin, die immer ganz am Ende der Reihe steht. Weil sie nicht "schön" genug ist, wird sie komisch. Sie entwickelt ihre erste große Tarnung: Den Clown. Sie schielt, sie stolpert absichtlich, sie tanzt aus dem Takt. Das Publikum liebt das "dumme Mädchen am Ende der Reihe". Sie lachen über sie, und während sie lachen, merken sie nicht, wie Josephine sie manipuliert. Sie stiehlt den Stars die Show. Es ist die erste Lektion in Spionage: Wenn die Leute lachen, stellen sie keine Fragen.
Kapitel 2: Die perfekte Tarnung
1925 kommt sie nach Paris. Die "Revue Nègre" macht sie über Nacht zum Weltstar. Ihr Auftritt ist ein Kulturschock. Der "Danse Sauvage". Sie wird auf den Schultern eines Mannes auf die Bühne getragen, fast nackt, nur mit Federn geschmückt.
Die Biografin Phyllis Rose schreibt treffend: "Sie tanzte nicht Schritte. Sie tanzte den Rhythmus selbst." Paris verfällt in einen Rausch. Josephine wird zur "Schwarzen Venus". Männer trinken Champagner aus ihren Schuhen. Sie bekommt Geschenke im Wert von Millionen: Autos, Diamanten, Pelze.
Aber 1939 ändert sich alles. Die Lichter gehen aus in Europa. Hitler steht vor der Tür. Während viele Stars fliehen, bleibt Josephine. Sie liebt Frankreich. Es ist das Land, das sie zum Menschen gemacht hat, nicht nur zur "N****r-Wench", wie man sie in St. Louis nannte.
In diesem Moment tritt ein Mann in ihr Leben: Jacques Abtey. Er ist der Chef des französischen militärischen Abschirmdienstes (Deuxième Bureau). Er sucht keine Soldaten. Er sucht "ehrenhafte Korrespondenten" – Zivilisten, die Zugang zu Orten haben, die für normale Agenten verschlossen sind.
Als Abtey Josephine rekrutiert, glaubt er zunächst, sie würde ablehnen. Es ist lebensgefährlich. Doch Josephine zögert keine Sekunde. Ihre Antwort ist historisch verbürgt:
"Frankreich hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Die Pariser haben mir ihre Herzen geschenkt. Ich bin bereit, mein Leben für sie zu geben. Sie können mit mir machen, was Sie wollen."
Abtey begreift schnell, dass er die perfekte Waffe gefunden hat. Josephines Ruhm ist ihr Schutzschild. Ihre Strategie ist von einer genialen Banalität: "Wer würde es wagen, Josephine Baker zu durchsuchen?"
Kapitel 3: Agentin "Rio" und die unsichtbare Tinte
Ihr Doppelleben beginnt. Offiziell ist sie der verwöhnte Weltstar auf Tournee. Inoffiziell ist sie Agentin. Sie nutzt ihren Charme, um italienische Diplomaten und japanische Attachés auszuhorchen. Sie bewegt sich auf Botschaftsempfängen, wo der Champagner in Strömen fließt. Die Männer prahlen vor der schönen Tänzerin. Sie reden über Truppenbewegungen, über Pläne der Luftwaffe, über politische Allianzen. Sie halten sie für ein hübsches, dummes Ding.
Josephine hört zu. Und danach geht sie auf die Toilette und notiert alles. Ihre Methoden sind Stoff für Legenden:
- Sie fotografiert geheime Dokumente mit einer winzigen Minox-Kamera und versteckt den Film in ihrem Büstenhalter.
- Sie schreibt Informationen mit unsichtbarer Tinte (Zitronensaft oder chemische Gemische) direkt auf ihre Notenblätter. Wenn die Grenzbeamten der Nazis ihre Koffer öffnen, sehen sie nur die Partitur von "J'ai deux amours". In Wahrheit halten sie die Aufmarschpläne der Achsenmächte in den Händen.
- Sie schmuggelt Nachrichten in ihrer Unterwäsche, wohl wissend, dass kein deutscher Soldat es wagen würde, den Weltstar Josephine Baker einer Leibesvisitation zu unterziehen.
Sie spielt mit dem Feuer. Mehrfach steht sie kurz davor, aufzufliegen. Doch sie nutzt ihre Rolle als exzentrische Diva perfekt. Einmal, als Zollbeamte misstrauisch werden, macht sie eine riesige Szene, schreit herum, wedelt mit ihren Pelzen und lenkt sie so lange ab, bis sie sie entnervt durchwinken.
Kapitel 4: Gift im Champagner? Die Tragödie von Casablanca
1941 verlagert sich ihr Einsatzgebiet nach Nordafrika. Casablanca. Ein Nest voller Spione, wie im Film – nur dreckiger und gefährlicher. Hier zahlt Josephine den höchsten Preis für ihren Einsatz.
Es ist eine der dunkelsten Episoden ihrer Akte. Nach einem Essen mit zwielichtigen Gestalten bricht Josephine zusammen. Sie windet sich vor Schmerzen. Offiziell diagnostizieren die Ärzte eine Peritonitis (Bauchfellentzündung), ausgelöst durch eine Fehlgeburt. Doch Josephine und Jacques Abtey – der zu diesem Zeitpunkt nicht nur ihr Führungsoffizier, sondern auch ihr Geliebter und der Vater des ungeborenen Kindes ist – haben einen anderen Verdacht.
Wurde sie vergiftet?
Die Theorie ist plausibel: Die Nazis wussten, dass sie für De Gaulle arbeitet. Aber einen Weltstar zu ermorden, hätte sie zur Märtyrerin gemacht. Ein "natürlicher Tod" durch Krankheit oder eine dauerhafte Invalidität wäre die sauberere Lösung gewesen. Was auch immer die Ursache war, die Folgen sind verheerend. Josephine liegt 18 Monate im Krankenhaus in Casablanca. Sie kämpft um ihr Leben. Dreimal wird ihre Todesanzeige vorbereitet.
Um sie zu retten, müssen die Ärzte eine Hysterektomie durchführen. Sie entfernen ihre Gebärmutter. Der Traum vom eigenen Kind stirbt in diesem Krankenhausbett in Marokko. Jacques Abtey weicht nicht von ihrer Seite. Er hält die Hand der Frau, die sein Kind trug, während sie beide Teile ihrer Seele verlieren. Doch Josephine gibt nicht auf. Noch im Krankenbett, abgemagert und schwach, empfängt sie amerikanische Diplomaten, um Nachrichten weiterzugeben. Sie ist nicht zu brechen.
Kapitel 5: Der Angriff des "Königs der Presse"
Der Krieg endet. Josephine kehrt als Heldin nach Frankreich zurück. Sie trägt die Uniform der Luftwaffe, das "Croix de Guerre" und die "Légion d'honneur". Doch der nächste Krieg wartet schon. Und dieser Feind trägt keine Hakenkreuz-Armbinde. Er trägt einen teuren Anzug und sitzt in New York.
1951 kehrt Josephine für eine Tournee in die USA zurück. Im berühmten Stork Club in New York wird ihr der Service verweigert, weil sie schwarz ist. Josephine tut das, was sie im Krieg gelernt hat: Sie kämpft. Sie ruft die Polizei. Sie macht den Vorfall öffentlich. Und sie begeht einen Fehler: Sie greift Walter Winchell an.
Winchell ist der mächtigste Journalist Amerikas. Ein Wort von ihm kann Karrieren beenden. Er war an jenem Abend im Club, hat aber geschwiegen. Josephine nennt ihn öffentlich einen Feigling. Die Rache ist vernichtend. Winchell nutzt seine Kontakte zum FBI-Chef J. Edgar Hoover.
Die heute einsehbaren FBI-Akten zeigen das Ausmaß der Hexenjagd. Hoover hasst Josephine. Für ihn ist eine schwarze Frau, die ihre Meinung sagt, eine Gefahr für die nationale Sicherheit. Winchell brandmarkt sie in Zeitungen und im Radio als "Kommunistin", als "Faschistin" und – völlig absurd – als Antisemitin. Die Taktik funktioniert. Josephine wird ihre Arbeitserlaubnis entzogen. Sie wird faktisch aus den USA ausgewiesen. Am Flughafen sagt sie völlig desillusioniert: "Die USA sind nicht frei. Ich werde nicht zurückkehren, solange es keine Gerechtigkeit gibt."
Kapitel 6: Der Absturz und die helfende Hand
Zurück in Frankreich versucht Josephine, ihre Utopie zu leben. Da sie keine eigenen Kinder mehr bekommen kann, adoptiert sie 12 Kinder aus aller Welt – ihre "Regenbogenfamilie". Sie kauft das Schloss Les Milandes im Périgord.
Doch Josephine hat ein Problem: Sie kann nicht mit Geld umgehen. Sie hat ein "Robin-Hood-Syndrom". Sie gibt Millionen für das Schloss, für die Kinder und für Wildfremde aus, die ihr Bettelbriefe schreiben. 1969 kommt das unvermeidliche Ende. Sie ist pleite. Das Schloss wird zwangsversteigert.
Es gibt ein Foto aus dieser Zeit, das um die Welt ging. Es zeigt den Weltstar Josephine Baker, 62 Jahre alt, auf den Stufen der Hintertür ihres ehemaligen Schlosses sitzend. Umgeben von Müllsäcken und Töpfen, im Regen. Sie ist obdachlos. Eine gebrochene alte Frau, die sich weigert zu gehen.
In diesem Moment der totalen Erniedrigung taucht eine alte Bekannte auf. Erinnern wir uns an den Stork Club 1951? Eine junge Schauspielerin hatte damals beobachtet, wie Josephine diskriminiert wurde, und war aus Solidarität mit ihr gegangen. Diese Schauspielerin war Grace Kelly. Jetzt ist sie Fürstin Gracia Patricia von Monaco. Und sie hat nicht vergessen. Sie rettet Josephine. Sie besorgt ihr eine Villa an der Côte d’Azur und gibt ihr finanzielle Unterstützung.
Das Finale: Der letzte Tanz
Aber Josephine will keine Almosen. Sie will die Bühne. 1973 wagt sie das Unmögliche: Ein Comeback in den USA. In der Carnegie Hall. Sie hat Angst. Riesige Angst. "Hassen sie mich noch?" fragt sie ihren Manager. Doch als sie die Bühne betritt, bricht ein Orkan los. 3.000 Menschen stehen auf. Minutenlanger Applaus, noch bevor sie einen Ton singt. Amerika bittet um Verzeihung. Josephine weint auf der Bühne.
Der finale Akt folgt 1975 in Paris. Das 50-jährige Bühnenjubiläum. Im Publikum sitzen Sophia Loren, Mick Jagger, Diana Ross. Der Vorhang geht auf, und die 68-Jährige tanzt den Charleston. Die Kritiken sind hymnenhaft: "Sie ist unsterblich."
Vier Tage später legt sie sich in ihrer Pariser Wohnung schlafen, umgeben von Zeitungen, die ihren Triumph feiern. Sie wacht nicht mehr auf. Eine Gehirnblutung beendet ein Leben, das für zehn gereicht hätte.
Josephine Baker war die erste schwarze Frau, die in das französische Panthéon aufgenommen wurde. Nicht wegen ihrer Tänze. Sondern wegen ihrer Verdienste als Kriegsheldin. Wenn ihr das nächste Mal ein Rollenspiel spielt und jemand sagt: "Mein Charakter ist eine exotische Tänzerin und Superspionin" – dann lacht nicht. Sagt einfach: "Ah, du spielst Josephine."
Quellen & Weiterführende Links
-
FBI Vault: Die originalen Akten des FBI über Josephine Baker (The Freedom of Information Act).
https://vault.fbi.gov/josephine-baker -
Rede beim Marsch auf Washington (1963): Transkript und Kontext ihrer historischen Rede.
BlackPast.org Archives - Baker, Jean-Claude / Chase, Chris (1993): Josephine: The Hungry Heart. Random House. (Die detaillierteste Biografie, auch bezüglich Jacques Abtey).
- Rose, Phyllis (1989): Jazz Cleopatra: Josephine Baker in Her Time. Doubleday. (Quelle für das Zitat zum Rhythmus).
- INA Archives (Institut National de l'Audiovisuel): Videoaufnahmen von Josephine Baker in Luftwaffen-Uniform, 1944.